POTSDAM - In den Siegerlisten internationaler Wettbewerbe tauchte Tim Wieskötter zuletzt 2010 auf. Beim kontinentalen Championat im spanischen Trasona fuhr der Kajakfahrer vom KC Potsdam im Vierer über den Kilometer zu Gold – als einziger Havelstädter in einem sonst von Berlinern besetzten Boot.
Danach hätte der 32 Jahre alte Athlet gern nochmal das Podium erklommen. „Doch daraus wurde nichts“, sagt der siebenmalige Weltmeister. Im Frühjahr 2011 – der entscheidenden Phase der Saisonvorbereitung – spielte die Gesundheit nicht mehr mit. „Ich habe mich mit einer Schleimbeutelentzündung in der Schulter herumgeplagt“, beschreibt Wieskötter noch einmal seinen Leidensweg. Fast vier Wochen Training musste er in den Wind schreiben. „Zudem verpasste ich damals die erste nationale Sichtung.“ Später erhielt der Paddler keinen Sitzplatz im Auswahlboot. Das war nicht minder schmerzhaft.
„Ich habe oft in mich hineingehört und überlegt, wie es weitergehen könnte“, erzählt Wieskötter von seinen Zweifeln. Nach einer Weile war er sich sicher: Aufgeben kommt nicht in Frage. Er rückt von seinem Plan – Teilnahme an den olympischen Sommerspielen in London – keinen Meter ab. „Ich bleibe auf Kurs.“ Es wäre nach Sydney, Athen und zuletzt Peking seine vierte Teilnahme bei Olympia. „Es ist mir nicht leicht gefallen, mich für so einen langen Zyklus, wie er für die Spiele nötig ist, neu zu motivieren.“ Geholfen habe ihm seine Freundin. Nicole Reinhardt, die für Lampertheim startet und schon lange in Potsdam mittrainiert, „hat mir Mut gemacht“.
Wieskötter entschied sich für den schweren Weg. „Einerseits wollte ich im Training nicht nachlassen. Andererseits wollte ich mit meinem Studium nicht ins Hintertreffen geraten“, erklärt der angehende Wirtschaftsingenieur, der sich auf Probleme der Logistik spezialisiert. „Ich gehe beides voll an. Das ist aber im Moment megastressig für mich.“
Während die Vereinsgefährten zuletzt ihr Trainingslager am Bundesleistungsstützpunkt in Kienbaum absolvierten, blieb Wieskötter stattdessen in Potsdam. „Ich musste unbedingt einige Fächer zum Abschluss bringen. Da ist jetzt das meiste unter Dach und Fach.“ Lediglich die Bachelor-Arbeit müsse noch geschrieben werden. Im besten Fall nach den Spielen in London. Derweil vernachlässigte der 1,91 Meter große Sportler nicht die Einheiten. „Ich habe Kilometer auf dem Templiner See geschrubbt, war ausgiebig im Kanal und habe die Hypoxiekammer genutzt.“
Dass die nationale Konkurrenz keineswegs schläft, ist mal sicher. „Alle ballern, alle klotzen mächtig ran“, macht sich der Olympiasieger von Athen, der einst im Zweier über 500 Meter mit seinem Teamgefährten Ronald Rauhe die internationalen Regattastrecken dominierte. „Was die anderen können, sehe ich spätestens im März“, so Wieskötter weiter. Mit dem Kölner Max Hoff wird sich der Kajakfahrer im spanischen Sevilla so manches Duell liefern. Zur ersten nationalen Sichtung im April will sich Wieskötter in guter Form präsentieren.
Über den Jahreswechsel hat er mit seiner Freundin Nicole noch mal ausgespannt. „Das war wohl für länger unsere letzte Pause“, weiß Wieskötter. In der nächsten Woche düsen die Kajakfahrer ins Wärmetrainingslager nach Florida. Die neue Attacke will ordentlich vorbereitet sein. (Von Ralf Thürsam)