Timo Scholz ist mit seinem Rennrad weit herumgekommen in der Welt. Der Leipziger, der für den OSC Potsdam fährt, hat sich im Herbst seiner Karriere ein wenig auf exotische Rundfahrten „spezialisiert“. Ecuador, Kuba, Thailand, Tobago oder Rwanda durcheilte er allein im Vorjahr. Doch aus dem entlegendsten Zipfel des Planeten zieht es ihn alle Jahre wieder nach Berlin zum Sechstagerennen.
„Das ist sozusagen die Konstante in meiner Laufbahn. Hier habe ich schon mit 14 Jahren in der alten Werner-Seelenbinder-Halle meine ersten Winterbahnrennen bestritten“, erzählt der 37-jährige Sachse, der sich mittlerweile in der Steher-Szene einen Namen gemacht hat. 2007 und 2008 wurde er Europameister. Nachdem aber 2009 ausgerechnet in Forst /Lausitz der Hattrick misslang, trennte er sich nach Unstimmigkeiten von seinem Schrittmacher Peter Bäuerlein (Wilhelmshorst).
In Berlin wollte Scholz vergangene Nacht gleichfalls den dritten Gesamtsieg in Serie perfekt machen. Nach fünf Tagen lag er vor dem Schweizer Peter Jörg. Im Velodrom an der Landsberger Allee ließ sich Scholz von Karsten Podlesch ums Oval leiten. Den Berliner nennen alle nur „Onkel Karsten“, weil er der Onkel von Ex-Steher-Weltmeister Carsten Podlesch ist. Das neue Paar kommt offenbar gut miteinander klar. „Vor jedem Rennen sprechen wir uns ab, schauen, auf wen wir achten müssen, legen uns selbst eine Taktik zurecht“, berichtet der Pedaleur. „Aber meist kommt alles ganz anders. Da kannst du dir 1000 Situationen ausmalen, aber die 1001. tritt dann ein.“ Soll heißen, Schrittmacher und der Steher an der Rolle müssen immer auf der Hut sein. „Das ist das Interessante an dem Sport“, findet der frühere Brandenburg-Rundfahrt-Gewinner.
Dazu kommen die technischen Tüfteleien. Weil Berlin eine 250 Meter lange Bahn hat, die hohes Tempo erlaubt, hat Scholz zum Beispiel eine Übersetzung von 65/15 gekettet. Damit er eine hohe Trittfrequenz erzielt, wurde die Kurbel ein klein wenig verkürzt. Bis Tempo 90 schnellt das Tacho hoch, wenn unter dem ohrenbetäubendem Lärm der Motoren und dem Trillerpfeifenkonzert der Zuschauer die heiße Phase der Rundenjagden ansteht. Weil es mit „Onkel Karsten“ wie geschmiert läuft, will Scholz seinen Schrittmacher, der eigentlich das Motorrad schon in die Garage gestellt hatte, überreden, noch zwei Jahre dranzuhängen.
Scholz, der sich zuletzt auch mit Skifahren fit hielt, will es noch mal wissen, wenngleich er seit Jahren in den diversen Teams als Lehrmeister für junge Radfahrer fungiert. Mit dem 21 Jahre alten Erfurter Philipp Klein lernt er auch einen talentierten Steher an. „Das ist eine schöne Aufgabe“, so Scholz.
Viel Zeit zum Feiern blieb ihm vergangene Nacht in Berlin allerdings nicht. Denn bereits heute fliegt er nach Kuba, wo die nächste „exotische“ Landesrundfahrt mit 15 Etappen ansteht. Andreas Koch, der Radchef beim OSC Potsdam, wird ihn als sportlicher Leiter der Rad-Mannschaft begleiten. (Von Peter Stein)